Ist Baumwolle ein nachhaltiges Produkt?

Reiner Knochel

Veröffentlicht am 05.02.2020

In der allgemeinen Nachhaltigkeitsdiskussion sammelt die Baumwolle gelegentlich Negativpunkte. Schnell und oberflächlich betrachtet wird sie als Wasserverschwender und Pestizidbombe verurteilt und auf die rote Liste gesetzt. Einerseits ist das so nicht richtig und hinzukommt: dieser natürlich nachwachsende Rohstoff hat auch viele gute Seiten. Es lohnt sich daher, ein wenig genauer hinzusehen. Die Bremer Baumwollbörse, unter anderem auch Aussteller auf der PromoTex Expo im Januar 2020 in Düsseldorf, stand dem Autor bei der Recherche mit Rat und Tat zur Seite.

Ca. 250-300 Millionen Menschen leben weltweit vom Baumwollanbau, davon zwei Drittel in Entwicklungsländern. In den letzten Jahren hat sich hier viel getan, um die Lebensqualität der Beschäftigten zu verbessern. Neben zahlreichen Fortschritten in der Landwirtschaft, die im Rahmen der Forschung und Entwicklung erfolgen, ohne eine Zertifizierung nach sich zu ziehen, sind unter anderem auch die Arbeit von wichtigen Labels wie GOTS oder Cotton made in Africa zu nennen, die von immer mehr internationalen Textil- und Bekleidungsherstellern unterstützt werden. Auch das 2014 gegründete Textilbündnis hat dazu beigetragen, die sozialen und ökologischen Bedingungen in der weltweiten Textilindustrie zu verbessern. Gegründet wurde dies von Entwicklungsminister Gerd Müller, der in diesem Jahr die Schirmherrschaft über den Textile Campus der PromoTex Expo übernahm.

Intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit vieler internationaler Firmen und Organisationen konnte inzwischen einen deutlichen Rückgang beim Einsatz von Wasser und Pestiziden erreichen. Der Bereich der Biobaumwolle bleibt unterdessen eine noch recht kleine Nische. Noch immer liegt der weltweite Anteil hier bei unter einem Prozent. Bemerkenswert, dass alleine 60 Prozent dieser Menge von Mitgliedern des bereits erwähnten deutschen Textilbündnisses verwendet werden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es herrscht ein Mangel an biologisch erzeugtem Saatgut und der Anbau von Biobaumwolle ist unbeschreiblich arbeitsintensiv. Die Erträge sind dabei zumeist wesentlich niedriger als im Mainstream. Gleichzeitig werden die Farmer kaum besser bezahlt, wenn sie auf Biobaumwolle umstellen. Abnahmegarantien werden zu selten geboten, Fachwissen und Erfahrung fehlen häufig, die Zertifizierungsprozesse sind oft mühsam, undurchsichtig und zeitaufwändig. An all diesen Punkten wird kontinuierlich weitergearbeitet.

Baumwolle, eine Pflanze aus der Gattung der Malven, braucht natürlich Wasser, um zu gedeihen – so wie jedes andere Gewächs auch. Allerdings verbraucht der Baumwollanbau nur drei Prozent des weltweit für landwirtschaftliche Zwecke genutzten Wassers. Es ist mittlerweile in Vergessenheit geraten, dass Baumwolle eigentlich eine Wüstenpflanze ist, die in vielen Halbwüstenregionen gedeiht, in denen überhaupt keine andere Pflanze wachsen würde – beispielsweise in Gebieten der französischen Zone Westafrikas. Nur in der Aufzuchtphase verbraucht die Baumwolle Wasser, später genügen ihr Sonne und Trockenheit, um zu reifen und zu hochwertigen Fasern und Stoffen weiter verarbeitet werden zu können.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass 55 Prozent des Baumwollanbaus allein durch die natürliche Regenbewässerung erfolgen können. Und dort, wo künstlich bewässert wird, bleibt die Entwicklung selbstverständlich genau so wenig stehen wie in anderen Bereichen. Digitalisierung und High-Tech halten Einzug, so werden unter anderem Systeme zur Tröpfchen-Bewässerung und computergesteuerte Sensoren-Technologien eingesetzt, um den Wasserbedarf drastisch zu senken. Erfolge sind hier bereits in Anbauländern wie Israel, Australien, Pakistan und den USA zu verzeichnen.

Ein enormer Vorteil zur Entlastung der Weltmeere ist die biologische Abbaubarkeit der Baumwollfasern. In Süßwasser bauen sich kleine Fasern aus Baumwolle, wie sie zum Beispiel durch Haushalts- oder Industriewäsche entstehen, bereits nach 30 Tagen zu 86 Prozent ab, in Salzwasser zu 67 Prozent. Der Prozentsatz von Polyesterfasern liegt hier im Vergleich dazu bei erschreckenden null Prozent.

Nur wenige Leute wissen zudem, dass die Baumwollpflanze zu 100 Prozent verwertbar ist. Die Fasern werden neben der Textil- und Bekleidungsbranche auch für Medizin- und Hygieneprodukte eingesetzt und kommen außerdem bei Papier, Geldscheinen und in der Architektur- und Möbelindustrie zum Einsatz. Aus den Samen wird Öl als Grundstoff für die Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie gewonnen. Die Samenhaare werden verwendet, um Watte herzustellen und weitere Reste dienen als proteinreiches Tierfutter, als natürlicher Dünger oder als Verbundmaterial für die Bau- und Verpackungsindustrie.

Im Zuge der Bewegung weg von Fast Fashion hin zu Slow Fashion, zu Klassikern, die saisonübergreifend über viele Jahre hinweg ohne Qualitätsverlust genutzt werden können, hat Baumwolle mit Sicherheit die Nase vorn. Im Bereich der Heimtextilien, Handtücher, Bettwäsche oder Tag- und Nachtwäsche gibt es kaum vergleichbare Materialien, die auch nach unzähligen Wäschen ihre Form wahren, die nicht pillen, die Farben erhalten und genauso gerne genutzt werden, wie am ersten Tag. Dies liegt unter anderem daran, dass die Baumwolle im Vergleich zu anderen Naturfasern eine extrem hohe Nassfestigkeit hat – ein großer Vorteil bei Textilien, die häufig gewaschen werden müssen. Dabei bräuchte die Baumwolle eigentlich gar nicht so viele Wäschen – ein weiterer Gedanke, der sich in den Köpfen der engagierten Endverbraucher erst wieder festigen muss: regelmäßiges Lüften, beispielsweise auch von Jeans, erspart unnötige Waschgänge und spart dadurch viel Wasser, Waschmittel und Energie.

Es ist auf jeden Fall positiv zu werten, dass sich nachhaltiges Denken und Handeln auch in der Textil- und Bekleidungsbranche immer weiter durchsetzt. Der Einsatz recycelter Kunstfasern, die Entwicklung neuer Materialien aus biologisch abbaubaren Materialien aller Art, der bewusstere Umgang mit Ressourcen und Verpackungen, der Trend zum Recycling und Upcycling ausgedienter Bekleidung, all das macht Sinn – genauso wie der Anbau und die Nutzung von Baumwolle.

Übrigens: Wer noch mehr fundiertes Fachwissen über den Rohstoff Baumwolle erfahren will, dem sei das Fachseminar „Baumwolle“ am 29. April bei der Baumwollbörse in Bremen empfohlen. Veranstaltet wird das Seminar von der Akademie für Textilveredlung gemeinsam mit der Baumwollbörse und der PromoTex Expo.

Weitere Informationen: www.baumwollboerse.de