Gemeinsame Prioritäten für den Bekleidungssektor in der COVID-19-Krise

Olesja Kehler

Veröffentlicht am 04.05.2020

Mehrere Textilorganisationen, darunter amfori, ethical trade norway, Ethical Trading Initiative, Faur Labor Association, Fair Wear und Partnership for Sustainable Textiles, haben sich zusammengeschlossen, um in diesen beispiellosen Zeiten zusammenzuarbeiten. Gemeinsam befassen sie sich mit verantwortungsbewusstem Geschäftspraktiken in der Bekleidungsindustrie und vertreten fast 2.000 Bekleidungsmarken und Einzelhändler, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilbranche einsetzen. Als Gruppe mit gemeinsamen Interessen tauschen die Mitglieder Ressourcen, Instrumente, bewährte Praktiken und Anleitungen für ihre Mitglieder aus und unterstützen die Interessenvertretung vor Regierungen und multilateralen Institutionen.

Aktuell sehen sie zwei Prioritäten, die als Antwort auf COVID-19 und seinen Auswirkungen auf die Bekleidungsindustrie und ihre Beschäftigten, dringende Aufmerksamkeit bedürfen:

  1. Schutz des Einkommens und der Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter

Die Auswirkungen von COVID-19 haben bestehende Ungleichheiten, systemische Schwachstellen und Herausforderungen in den globalen Bekleidungslieferketten vergrößert. Die Gesundheit und der Lebensunterhalt von Millionen von Bekleidungsarbeitern und ihren Familien – die sich oft nicht auf Ersparnisse, Kredite oder öffentliche Sicherheitsnetze verlassen können – sind gefährdet. Die Mehrheit der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie sind Frauen, die oft in schlecht bezahlten Positionen mit geringerm Einfluss konzentriert sind, in Gewerkschaften unterrepräsentiert sind und zusätzlich unbezahlte Aufgaben in der Kinder-, Alten- und Krankenpflege haben. COVID-19 hat sie einem besonderen Risiko ausgesetzt, nicht nur für ihre unmittelbare Gesundheit, sondern auch für ihre unmittelbare und langfristige finanzielle Situation.

Daher werden Marken, Einzelhändler, Lieferanten, Regierungen, Gewerkschaften, Industrieverbände, die Zivilgesellschaft und multilaterale Organisationen aufgerufen, zusammenzuarbeiten, um die Fabriken in die Lage zu versetzen, die Arbeitsverhältnisse aufrechtzuerhalten und Veränderungen am Arbeitsplatz vorzunehmen, um die Gesundheit der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie zu schützen.

Die Fabriken müssen die pünktliche Zahlung der Gehälter an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die aktiv beschäftigt bleiben, sicherstellen. Wenn Betriebe vorübergehend schließen müssen, sollte es für alle Beteiligten oberste Priorität sein, die Arbeiterinnen und Arbeiter direkt oder beim Zugang zu Finanzmitteln zu unterstützen, um diese Zeit, in der sie nicht arbeiten können, zu überbrücken. Wenn Belegschaftskürzungen aufgrund langfristiger Fabrikschließungen oder eines Konkurses nicht vermieden werden können, sollten alle Beschäftigten ihre vollen Rechtsansprüche, einschließlich Löhne, Sozialleistungen und Abfindungen, erhalten.

2) Zukunftssichere Versorgungsketten

COVID-19 hat die derzeitige Art und Weise, Geschäfte zu machen, massiv gestört. Während die unmittelbaren Auswirkungen der Krise schwerwiegend waren, bietet die Situation eine einzigartige Gelegenheit, die Strukturen nachhaltiger und gerechter wiederaufzubauen. Ein Hauptaugenmerk wird auf den Aufbau eines funktionierenden sozialen Schutzes für die Arbeitnehmer, einschließlich der Arbeitslosenunterstützung, gelegt werden. Faire und kooperative Beziehungen zwischen Einzelhändlern, Marken und Lieferanten sowie Preise, die die Kosten einer verantwortungsbewussten Produktion decken, sollten die Grundlage künftiger globaler Lieferketten bilden.

Gewartet wird mit Spannung auf die Ergebnisse des Dialogs zwischen den globalen Sozialpartnern, der wahrscheinlich Prioritäten und Verpflichtungen für gemeinsame Maßnahmen der Industrie zur Reaktion auf die Pandemie festlegen wird. Im Anschluss planen die Organisationen, sich miteinander und mit anderen wichtigen Interessengruppen zur Umsetzung dieser beiden Prioritäten abzustimmen.

Ein gemeinsamer Aufruf zum Handeln für den Bekleidungssektor

Diese erste gemeinsame Erklärung konzentriert sich auf die Krise und die frühe Erholungsphase und:

  • ruft Regierungen und multilaterale Institutionen zum Handeln auf; und
  • bietet praktische Anleitungen dazu, wie Marken die Rechte und den Lebensunterhalt von Arbeitnehmern respektieren können.

An zusätzlichen Leitlinien für die Erholungsphase und die Zeit nach dem COVID-19 wird derzeit gearbeitet.

Aufruf an Regierungen und multilaterale Institutionen

Soforthilfe für internationale Lieferketten

Die Regierungen der Bekleidungsherstellerländer haben zweifellos die Pflicht, ihre Bürger zu schützen und für sie zu sorgen. Auch die Regierungen der Länder, in denen die Hauptsitze der Mitgliedsmarken und Einzelhändler angesiedelt sind, werden aufgefordert, die Auswirkungen des COVID-19-Ausbruchs in den globalen Lieferketten zu berücksichtigen. Die Regierungen werden aufgefordert, sich mit multilateralen Institutionen abzustimmen, um Hilfsgelder direkt an die Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie zu vergeben und bei der Bereitstellung von Hilfsleistungen für Unternehmen der Beschäftigung Vorrang einzuräumen.

Langfristige Verbesserungen

Diese Krise zeigt die Notwendigkeit langfristiger, sektorweiter Verbesserungen, die den Arbeitnehmern in den Herkunftsländern einen sozialen Schutz garantieren. Die Regierungen und multilateralen Institutionen werden aufgefordert, starke Sozialschutzbestimmungen einzuführen und aufrechtzuerhalten und den Sozialschutz für Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Bekleidungsindustrie im Einklang mit den IAO-Normen, einschließlich Gesundheits- und Krankenversicherung, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfälle und Krankenversicherung, auszuweiten und dabei Gewerkschaften und Industrieverbände in den Prozess einzubeziehen.

Um die langfristige Nachhaltigkeit der Bekleidungslieferketten zu gewährleisten, werden die Regierungen aufgefordert, einen kooperativen, koordinierten Ansatz zur Schaffung und Stärkung dieser Sozialschutzböden in den Produktionsländern finanziell zu unterstützen.

Aufruf an Marken und Einzelhändler

Bekleidungsmarken und Einzelhändler stehen extrem schwierigen Zeiten gegenüber. Daher konzentrieren sich die Organisationen darauf, das Geschäft über Wasser zu halten. Trotz dieser herausfordernden Umstände müssen die Unternehmen weiterhin an den Grundsätzen eines verantwortungsvollen Geschäftsgebarens festhalten. Dazu gehört, dass sie verstehen, wie sich ihre Entscheidungen während der Krise auf die Beschäftigten in ihrer Versorgungskette auswirken, und dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um negative Auswirkungen abzumildern. Auf ihren Websites stellen die Organisationen länderspezifische Leitfäden zur Verfügung, um den Mitgliedern zu helfen, sich über die Situation in den Produktionsländern auf dem Laufenden zu halten, und um sie zu ermutigen, den Anliegen der lokalen Interessengruppen, insbesondere der Gewerkschaften, große Aufmerksamkeit zu schenken. Die Unternehmen werden aufgefordert, transparent über die Maßnahmen zu kommunizieren, die sie in dieser Krise ergreifen, um Rechenschaftspflicht und Peer-Learning zu gewährleisten.

Jede Organisation arbeitet direkt mit ihren Mitgliedern zusammen, um detailliertere Anleitungen, Ressourcen und Beispiele für gute Praktiken bereitzustellen. Sie rufen ihre Mitglieder und alle Bekleidungsmarken und Einzelhändler auf, während der Krise und der ersten Erholungsphase die folgenden verantwortungsvollen Schlüsselpraktiken umzusetzen.

Verantwortungsvolle Beschaffungsentscheidungen

  • Mit allen Partnern in der Lieferkette einen häufigen und transparenten Dialog über Beschaffungsentscheidungen führen und nach kollaborativen Lösungen suchen. Es sollten keine einseitigen Entscheidungen getroffen werden.
  • Von Einzelhändlern und Marken wird erwartet, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen und für abgeschlossene oder laufende Aufträge vollständig bezahlen.
  • Wenn Aufträge nicht ausgeführt werden können, wird erwartet, dass Einzelhändler und Marken vorrangig die Deckung der Arbeitskosten sowie der bereits angefallenen Material- oder sonstigen Kosten übernehmen.
  • Von den Unternehmen wird erwartet, dass sie hart daran arbeiten, die laufenden Auswirkungen auf die Arbeitnehmer, die bereits mit schwierigen Umständen konfrontiert sein werden, so gering wie möglich zu halten.
  • Mit den Zulieferern bei Bestellungen für die kommenden Monate zusammenarbeiten, um Alternativen zur Stornierung von Aufträgen zu finden und Auftragsstornierungen als letztes Mittel zu behandeln.
  • Mit Änderungen oder Verzögerungen in der Produktion rechnen und flexibel in Bezug auf Liefertermine, Zahlungsbedingungen und finanzielle Haftung reagieren.
  • Die Geschäftsbeziehung mit Lieferanten sollte nicht beendet werden, ohne zuvor Szenarien und Lösungen mit Ihrem Lieferanten besprochen zu haben. Wenn ein Ausstieg unvermeidlich ist, stellen Sie sicher, dass die Arbeitnehmer geschützt und bezahlt werden.
  • Arbeiten Sie eng mit den Lieferanten, einschließlich der Rohstofflieferanten, zusammen, um die benötigte Kapazität gemeinsam zu planen und zu sichern und aktuelle Prognosen zu erstellen.
  • Sicherung der Arbeitsbedingungen in der Fabrik
  • Hören Sie auf die Stimmen der Arbeitnehmer über ihre Gewerkschaften, Mechanismen des sozialen Dialogs oder gewählte Arbeitnehmervertreter.
  • Stellen Sie sicher, dass am Arbeitsplatz Sicherheitsmaßnahmen zur Eindämmung des Infektionsrisikos getroffen werden. Die Arbeitnehmer sollten über ihre Rechte informiert werden und korrekte Informationen über präventive Sicherheitsmaßnahmen erhalten.
  • Die Fabriken sollten über einen Mechanismus verfügen, um auf Fragen der Beschäftigten einzugehen und sie in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Die Beschäftigten müssen Zugang zu einer Gewerkschaft oder einer anderen Arbeitnehmervertretung haben, um kollektiv auf Maßnahmen zu reagieren oder Probleme anzusprechen. Die Beschäftigten sollten Zugang zu einem Kanal haben, der sie bei der Lösung von Problemen im Zusammenhang mit ihren Rechten unterstützt. Beschwerdemöglichkeiten sollten den Beschäftigten auch dann zur Verfügung stehen, wenn Fabriken geschlossen oder die Beschäftigten entlassen worden sind.
  • Die Beschäftigten sollten Zugang zu sicheren Transportmöglichkeiten in die Fabrik haben.

Anhang

Weitere Anleitungen, Aktualisierungen und gute Praktiken

https://www.amfori.org/resource/responsible-purchasing-practices-times-covid-19

https://betterbuying.org/wp-content/uploads/2020/04/Better-Buying-Special-Report-COVID-19-Guidance-for-Brands-and-Retailers.pdf

https://www.ethicaltrade.org/blog/eti-publishes-guidance-to-apparel-and-textile-members-payment-orders-to-workers

https://www.fairlabor.org/report/protecting-workers-during-and-after-global-pandemic

https://www.fairlabor.org/blog/entry/country-specific-updates-provisions-workers-response-covid-19-pandemic

https://www.fairwear.org/covid-19-dossier

https://www.textilbuendnis.com/en/covid-19/

Bild: iStockcom/SilviaJansen