Sind Upcycling und Slow Fashion die Zukunft der Textilbranche?

Emily Koslowski

Veröffentlicht am 25.05.2020

In Deutschland gibt es jährlich mehr als eine Million Tonnen Altkleider. Das liegt in erster Linie an dem Konsumverhalten der Kundschaft: Aus dem stetigen Wunsch nach dem neusten Design, günstigen Preisen und großer Auswahl ist eine richtige „schmeiß-weg-kauf-neu-Einstellung“ entstanden. Das Geschäftsmodell Fast Fashion setzt genau auf diese Bedürfnisse der Kundschaft und produziert Kleidung schnell, günstig und mit einer häufig wechselnden Auswahl. Doch dieses Geschäftsmodell gilt als überholt. Die Textilindustrie entwickelt sich stattdessen in Richtung Nachhaltigkeit. Durch Slow Fashion und Upcycling entstehen nachhaltige und faire Lösungen.

Die Reinkarnation alter Kleidung

Auf der PromoTex Expo 2020 entwickelte die Pop-up Nähfabrik gemeinsam mit der Hehlerei, dem Bündnis für textile Delikte, auf dem Textile Campus eine Modekollektion aus aussortierter Kleidung in partizipativer Zusammenarbeit mit Ausstellern und Besuchern der Messe. Im laufenden Messebetrieb entstand so eine ganze Upcycling Kollektion. Während die Pop-up Nähfabrik auf Reparatur und stilvolle Aufwertung alter oder kaputter Kleidung setzt, geht es für die Hehlerei laut Manuel Krings, einem der drei Gründer, in ihrem Geschäft um den „Gedanken der Reinkarnation bzw. des Neudenkens alter Kleidung und Textilien“.

Die Hehlerei ist ein B2B-Modelabor und Streetwear Label aus Köln-Ehrenfeld. Sie stellen seit 2018 Upcycling-Unikate aus getragener und ausrangierter Kleidung her. „Alte Kleidung neu zu denken war gewissermaßen die Initialzündung für die Hehlerei“, erzählt Manuel Krings, Co-Founder der Hehlerei. Sie möchten mit ihrer Arbeit ein Zeichen gegen den hohen Kleidungskonsum und die damit einhergehende Wegwerfmentalität setzen. Sie begreifen sich selbst weniger als ein Upcycling-Label, sondern mehr als Lösungsanbieter im weiteren Sinne: „Am Ende des Tages ist unser eigentliches Produkt eine eigene Wertschöpfungskette.“ Sie denken die Endkonsumenten neu, denn indem diese Ausgangsware spenden, mit welcher die Hehlerei weiterarbeitet und für die sie Vergünstigungen bekommen, stehen sie nicht mehr am Ende des Produktionsprozesses, sondern an dessen Anfang.

Merchandise mit Persönlichkeit

Sie bieten vor allem dem Kreativ- und Kultursektor eine nachhaltige Alternative zu gängigen Merchandise-Lösungen. Zu ihren Kunden gehören zum Beispiel Kulturschaffende, Musiker, Bands, soziale Vereine, gastronomische Einrichtungen, Theater oder Eventveranstalter. Neben den neu interpretierten Kleidungsstücken selbst bieten sie auch das Visual Design bzw. die Artwork-Entwicklung an. Beides geschieht immer in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern. „Gerade bei Künstlern ist das gemeinsame Co-Kreieren ein wichtiger und auch spaßiger Schritt, um das Werk bzw. die Persönlichkeit bestmöglich in das Merchandise zu integrieren.“ Die Hehlerei bietet zum Beispiel nachhaltige und einzigartige Mini-Kollektionen für Musiker und Bands an, die je nach Wunsch auch Lyrics ihrer Musik enthalten können.

Einzigartigkeit in großer Stückzahl

Ist dieses Geschäftsmodell skalierbar? Die Hehlerei skaliert bereits seit der Gründung. Ihr Kleiderspendennetzwerk vergrößert sich stetig und ihre Kollektionen wachsen in Anzahl und Umfang. Durch gewerbliche Spenden können sie auch einen gewissen Grad an Serialität in die Kollektion einbringen. Manuel Krings vertritt dazu jedoch einen festen Standpunkt: „Erklärtes Ziel ist allerdings nicht, ein Anbieter für Kleidung von der Stange zu werden, die sich nur dadurch unterscheidet, dass sie Second Hand ist. Den Aspekt der Einzigartigkeit aller Kleidungsstücke, die wir produzieren, möchten wir auch bei großen Aufträgen beibehalten.“ Außerdem stellt die Hehlerei das Ziel der Abfallreduktion über den reinen Profitgedanken. Sie möchten ihr Geschäftsmodell der Hehlerei dezentral weiterentwickeln, sodass es zukünftig auch in anderen Städten Hehlereien als Anlaufstellen und Netzwerke für nachhaltige Modelösungen gibt. Zusätzlich arbeiten sie zurzeit an einem Onlineangebot, welches ihre Leistungen und Produkte unter Berücksichtigung ihrer Prinzipien und Unternehmenswerte einem breiteren Publikum zur Verfügung stellen soll.

Das Ziel der Hehlerei formuliert er so: „Unsere Mission ist es, die Modeindustrie dadurch fairer zu machen, dass ein bestimmter Abschnitt der globalen Wertschöpfungskette, nämlich der vom Endkonsumentenmarkt bis zur Entsorgung, neu gedacht wird – zirkulärer, verantwortungsvoller, gemeinschaftlicher und radikal co-kreativer.“ Krings sieht im Upcycling ein großes Potenzial für die Textilbranche. Er ist allerdings der Ansicht, dass viele im gewerblichen Upcycling nur ein „niedliches Add-On“ für bestehende Markt- und Produktionsstrukturen sehen – das ist nicht nur eine vertane Chance, sondern seiner Meinung nach fahrlässig.

„Upcycling sollte nicht nur als Kulturtechnik, sondern als integraler Bestandteil globaler Wertschöpfungsketten gedacht werden. Long story short: Die Bedeutung von Upcycling steigt äquivalent zu der Sensibilisierung des Marktes für Ressourcenschonung und Zirkularität, und die findet bereits seit einigen Jahren statt.“

Website Hehlerei: https://www.hehlerei.eu/
Bilder: Hehlerei