Der neue Plan und der Weg in die Zukunft

Olesja Kehler

Veröffentlicht am 03.06.2020

Über den britischen Kampfgeist in der Krise

War die Welt vor ein paar Monaten noch normal, hat sich dies mit dem COVID-19-Virus schlagartig geändert. Carey Trevill, Interims-CEO der British Promotional Merchandise Association (BPMA) erklärt, wie hat sich Krise auf den britischen Werbeartikelmarkt ausgewirkt hat.

Die Auswirkungen von Covid-19 waren in Großbritannien schon früh zu spüren. Vielfach waren Reaktionszeiten verzögert, Produkte nicht verfügbar und Teile der Lieferkette schlichtweg beschlagnahmt. Als sich im Februar die Situation in Italien zuspitzte, fragte man sich auch in Großbritannien: „Was, wenn uns das passiert“. Es folgte eine erste Bestandsaufnahme. Dann wurden die Reisemöglichkeiten eingeschränkt und plötzlich hatte die neu Realität auch den Inselstaat erreicht. „Sie war da, und plötzlich wurde vielen Unternehmen die Einschätzung dessen, was möglich war, aus den Händen genommen“, erinnert sich Carey Trevill. Bestellungen verebbten, Zahlungen gingen nicht mehr ein, insgesamt gingen Anfragen und Bestellungen innerhalb weniger Wochen von „normal“ auf unter 30% der zurück.

„Der März war ein unglaublich harter Monat für alle, da wir gespannt auf die Pläne der Regierung warteten. Sie schritt sehr schnell ein, um die Unternehmen des Gastgewerbes zu retten, aber der Rest von uns fühlte sich zurückgelassen“, so Trevill. Um der Regierung und der Kreativwirtschaft die dramatische Lage der Branche deutlich zu machen, betrieb die BPMA Lobbyarbeit. Vor allem der Geldfluss musste innerhalb der Versorgungskette schnell wiederhergestellt werden. Dafür arbeiteten die Gremien der Kreativwirtschaft eng zusammen. Während anfangs vor allem Darlehen und Zuschüsse zur Verfügung gestellt wurden, die kurzfristige Erleichterungen ermöglichten, liegt aktuell ein Schwerpunkt darauf, die Zahlungsbedingungen für die Zukunft neu festzulegen.

Monate später stellen die Briten nun wieder eine allmähliche Zunahme der Anfragen fest, da sich die Unternehmen langsam erholen. Viele BPMA-Mitglieder haben zudem beschlossen, in den PPE-Markt (Personal protective equipment) zu investieren. Dieser komplexe und stark regulierte Bereich hat kurzfristig viele Unternehmen und Arbeitsplätze gerettet, doch stellen diejenigen, die neu in diesem Bereich sind fest, dass der lukrative Markt auch viele Fallstricke mit sich bringt. Dennoch: „PPE wird noch für einige Zeit Teil unseres Lebens sein, und die BPMA arbeitet eng mit ihren Mitgliedern zusammen, um so viel zeitnahe Unterstützung und Informationen wie möglich bereitzustellen“, so Trevill.

Mehr Komplikationen dank Brexit

Eine besondere Herausforderung für britische Werbeartikelhersteller und -händler stellte auch der Brexit dar, beschreibt Trevill. „Viele Endkunden, die durch den Gedanken an den Brexit verunsichert waren (und der Brexit scheint plötzlich nicht so einfach zu sein…), hatten ihre Lieferketten in Erwartung des Jahres 2019 nach Europa verlegt, was einige Einnahmequellen unter Druck setzte. Die außergewöhnlich starke Basis für die Herstellung, Produktion und Lieferung in Großbritannien wird jedoch als direkte Folge der Krise ihren Zeitpunkt finden.“ Klar sei, dass die Rohstoffbeschaffung, die Preisgestaltung und die Verfügbarkeit für bestimmte Kanäle eine Herausforderung darstellen würden, und dies sei ein Bereich, der sich täglich verschiebe. „Für die Mitglieder mit Niederlassungen in Europa öffnen sich die Märkte in unterschiedlichem Tempo, und dies wirkt sich auf das Angebot aus. Das gibt uns als Branche einen Einblick in mögliche Verhaltensweisen, da Großbritannien bei der Wiedereröffnung anderer Märkte einige Wochen im Rückstand ist.“ So wurde in vielen Gesprächen mit den Mitgliedern deutlich, dass die Zeit für eine Bestandsaufnahme und Bewertung ihrer Geschäfte trotz der Umstände von unschätzbarem Wert war. „Wir erwarten als Ergebnis Veränderungen in der Art und Weise, wie viele seit langem bestehende Unternehmen arbeiten.“

Unterstützung in der Krise

Seit März und kurz nachdem sie als Interims-CEO für die BPMA eingesprungen war, arbeitet Trevill mit ihrem Team intensiv daran, den BPMA-Mitgliedern bei der Bewältigung der Krise zu helfen. Mit wöchentlichen Live-Übertragungen wurden jede neue Maßnahme der Regierung sowie der Nutzen für jede Organisation beleuchtet. „Wir haben auch ein Bild vom breiteren Endnutzerkontext und den Auswirkungen vermittelt, die dies unserer Meinung nach für die Mitglieder haben wird.“ So wurde zum Beispiel untersucht, wie das Lockdown-Verhalten, von dem zu erwarten sei, dass es sich über einen längeren Zeitraum hinaus fortsetzt, von der Branche unterstützt werden kann. Es wurden Daten und Experten einbezogen, um den Mitgliedern zu helfen, potenzielle Wege zu erkennen, die vorher nicht zur Verfügung standen. „Wir werden unsere beliebten Sessions nun den ganzen Sommer als Reihe unter dem Titel Erholung und Widerstandsfähigkeit durchführen, um sicherzustellen, dass jedes Unternehmen über die Informationen verfügt, die es zum Überleben und Wachsen braucht“, kündigt Trevill an. Die BPMA ist auch Teil der Advertising Association und hat einen Sitz im renommierten AA-Rat, um eine aktuelle Sicht aus der ganzen Welt zu vermitteln, was wiederum den Mitgliedern helfe, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Was kann jeder Einzelne tun?

Trevill glaubt, dass gerade agile Unternehmen in dieser Zeit inspirieren und sich durch Innovationen hervorheben. „Wir ermutigen jedes Mitglied, seine normalen Einnahmequellen zu analysieren und zu schauen, wie sie je nach Situation, Botschaft und Kontext angepasst werden können, um neue Einnahmequellen zu generieren.“ Die Vorreiter hätten bereits damit begonnen, zu zeigen, wo die physische und emotionale Verbindung mit ihren Produkten hergestellt werden kann. „Wenn man sich die Arbeit und die Markteinführungen der letzten Wochen ansieht, hat das dem Rest Großbritanniens gezeigt, dass wir offen und ernsthaft mit dem Wiederaufbaugeschäft umgehen.“

Für viele, deren Mitarbeiter beurlaubt sind, haben die regelmäßige Kontaktpflege, Schulungen und Förderungen neuer Fähigkeiten eine Flut von Talenten hervorgebracht. „Es besteht kein Zweifel, dass es in der gesamten Branche Verluste geben wird“, so Trevill. Doch sie sieht auch, dass diese sich nahestehende Industrie zusammengearbeitet hat, um sicherzustellen, dass so viele wie möglich auf der anderen Seite wieder herauskommen können.

Auf die Frage, welche Worte sie der Branche mitgeben möchte, antwortet sie: „Es ist abgedroschen zu sagen, wir stecken da gemeinsam drin. Aber dieses eine Mal sind wir als globale Wirtschaft, als Freunde und Familie wirklich dabei. Es war bereits schwierig, und wir wissen, dass noch mehr kommen wird.“ Für viele Marktführer weltweit wirke das Virus ausgleichend, fährt sie fort. Die Kraftreserven, um weiter nach vorn zu blicken und in Bewegung zu bleiben, forderten selbst die Optimisten heraus. „Dennoch stehen wir immer noch auf und finden täglich Wege, um voranzukommen und den Wendepunkt für die Erholung zu finden, von der wir wissen, dass sie kommen wird.“

Der Kampfgeist der Mitglieder und der britische Ansatz, der in allen Bereichen sichtbar sei, bestehe darin, nach der Neubewertung der geschäftlichen und persönlichen Ziele in die Zukunft zu blicken. „Es stimmt, dass wir noch nicht ganz wissen, was vor uns liegt, und die Schritte nach vorn sind vorsichtiger als zu jedem anderen Zeitpunkt… und doch machen wir immer weiter mit der Überzeugung, dass es anders, besser, verwandelt wird. Wir werden vor einem Plan stehen, den wir vielleicht nicht selbst geschrieben haben. Aber wie großartig dieser neue Plan ist, wird in unseren Händen liegen. Die Geschichtsbücher werden über die Entscheidungen berichten, die wir als Wirtschaftsführer treffen. Zu keinem anderen Zeitpunkt ist die Klarheit der Vision weltweit so nötig.“ Sie sagt, dass aus dieser Zeit ein neues Gefühl der Zusammenarbeit und Freundschaft entstanden sei und freut sich darauf, zusammen mit ihrem Team der Branche dabei zu helfen, den neuen Plan und den Weg in die Zukunft zu finden.

Bild: BPMA