Aufbruch der Modewelt: Die letzte analoge Branche im drastischen Wandel

Julia Bernert

Veröffentlicht am 22.07.2020

Künstliche Intelligenzen, welche die spezifische Designsprache eines Fashionlabels erlernen und die automatisch neue Kollektionsvorschläge passend zur Brand-DNA generieren. Oder virtuelle Plattformen, auf denen strategische Beschaffungspartner zur Optimierung der Supply Chain ganz einfach per Mausklick akquiriert werden können. So sieht sie aus, die Modeindustrie von Morgen – und heute. Auf der vergangenen PromoTex Expo stellten die beiden Branchenvisionäre Yoona Tech und Sqetch jeweils hochspannende Cases zur Digitalisierung einer traditionell analogen Branche vor, die schon heute erfolgreich Anwendung finden.  

Technologien von Morgen kommen an in den Köpfen von heute

Von 3D-Softwares zu künstlichen Intelligenzen – die Textilbranche erlebt als traditionell analoges Handwerk einen enormen digitalen Wandel. Neue Geschäftsmodelle werden erschlossen und bestehende Prozesse an neue angepasst. Vor allem aber findet ein Umdenken statt, das dem unaufhaltsamen Transformationsprozess in den Köpfen der Branche den Weg ebnet. Argwohn weicht, während die Chancen und der mögliche Fortschritt zunehmend erkannt und geschätzt werden. So entsteht Raum für neue innovative Technologien, welche die gesamte Branche überführen in eine Zukunft, in der dank Virtual und Augmented Reality gezielter produziert wird, in der dank Künstlicher Intelligenzen effizienter und nachhaltiger gearbeitet wird und in der Länder wie Asien und Afrika dank Cloud-Kommunikation auf neuer Ebene angebunden sein werden.

Artificial Intelligence als Design Assistent

In wie weit heute schon künstliche neuronale Netze im Designprozess Anwendung finden und ihn verkürzen und wie sie die Erstellung personalisierter Designs vereinfachen, demonstrierte Branchen-Innovatorin Anna Franziska Michel am Fokustag Sportwear auf der PromoTex Expo. Mit YOONA Technology kreierte die mehrfach mit dem „Female Digital Leader Award“ ausgezeichnete Designerin gemeinsam mit dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik der HTW Berlin eine zukunftsweisende B2B Software-Lösung für Unternehmen, welche den Designprozess revolutioniert. „Als Design Assisting Tool nutzt unsere Software digitale Daten wie technische Zeichnungen, Mood Boards und Farbkonzepte aus den vergangenen Kollektionen, die per Web Scraping um aktuelle Trendinformationen ergänzt werden“, erklärt Michel. „Dadurch, dass YOONA Tech auf Generative Adversarial Networks basiert, begreift die Software die Designsprache einer Marke und bietet automatisch Designvorschläge an.“ So genannte GANs bestehen aus einer besonderen Architektur von zwei neuronalen Netzen, die im Gegenspiel zueinander agieren und so voneinander lernen. Mit Hilfe dieser Künstlichen Intelligenz generiert YOONA Technology binnen Sekunden rund einhundert Vorschläge, darunter mögliche Farbkonzepte, Printvorschläge oder Personalisierungsmöglichkeiten. Dabei bleibt der Designer unentbehrlich. „Es braucht jemanden, der die Software trainiert und erzieht. Jemanden, der bewertet, was zur Designsprache passt und den Kurs im Zweifel korrigiert“, beruhigt Anna Franziska Michel, die seit zwei Jahren hochwertige Sportswear entwirft, für die sie individuelle Sporttrainingsdaten mit Hilfe von YOONA Tech in individuelle Designs verwandelt. „Die Software ist kein Ersatz für einen Designer. Sie unterstützt, indem sie einem die Trend Research abnimmt, einem im Inspirationsprozess den Gang ins Archiv erspart und erste Vorschläge bietet.“ Dank dieser Features ist YOONA Tech insbesondere für Firmen interessant, die für ein komplettes Kollektionsdesign nur wenig Zeit haben oder die personalisierte Designs anbieten wollen, ohne Ressourcen für lange Kreationsprozesse zu haben.

Digitalisierung: Der Game Changer fürs Sourcing

Nicht nur Artificial Intelligence treibt die Branche um. Laut der Berliner Innovationsagentur Sqetch Agency treiben noch fünf weitere Meta-Trends die Modeindustrie um. Anna-Sophie Hoffmann, Event & Community Managerin bei Sqetch, auf der PromoTex Expo: „Wir sehen bedeutende Nachhaltigkeitsthemen wie Biofabrication und Circularity im Sinne einer Kreislaufwirtschaft auf die Branche wirken, die flankiert werden von Themen wie Ressource Sharing und Nearshoring. Aber unter dem Strich ist die Digitalisierung der ultimative Game Changer der Branche“, so Hoffmann.

„Mit neuen, hochinnovativen Technologien ist sie beispielsweise prägende Gestalterin der Supply Chain. So geht es in der Produktion immer mehr um Artificial Intelligence, Automation und Robotics. Bei der Suche nach strategischen Beschaffungspartnern sind Online-Plattformen die Zukunft.“ Eine dieser digitalen Sourcing-Plattformen ist Sqetch, die seit dem Zusammenschluss mit Sourcebook im Oktober 2019 mit über 25.000 Mitgliedern zu den größten B2B Online-Plattformen Europas zählt. „Grundsätzlich kann sich jeder Marktteilnehmer, ob Brand, Designer, Produzent oder Dienstanbieter, kostenfrei für eine Gratis-Mitgliedschaft registrieren und erhält, sobald er authentifiziert ist, aktuelle Branchennews – ungeachtet von Geschäftsabschlüssen“, erklärt Anne-Sophie Hoffmann. Ziel von Plattformen wie Sqetch sei es, die Branche nachhaltig zu revolutionieren und zusammenzubringen. „Der größte Benefit ist die Kosten- und Zeitersparnis. Mittelsmänner fallen weg und man kann direkt digital den passenden Partner akquirieren.“ Dabei ist Sqetch mit nützlichen Managementtools, wie Prioritätenlisten für einen reibungslosen Produktionsablauf oder Speicher für wichtige Vereinbarungen und vergangene Aufträge, ausgestattet. Um sich als wertvolles Schlüsselglied für den Erfolg vieler Marktteilnehmer in einer globalisierten Welt zu etablieren. 

Bilder: Behrendt und Rausch

Text: Julia Bernert