Mit künstlicher Intelligenz gegen den Retouren-Wahn

Reiner Knochel

Veröffentlicht am 24.08.2020

Um die Textilbranche in Sachen Nachhaltigkeit zu verändern, bedarf es eines Umdenkens in sehr vielen Bereichen. Das Konsumverhalten muss einerseits dringend überdacht werden, Lieferketten hinterfragt und Produktionsbedingungen geprüft würden. Unterstützt werden all diese Vorhaben auch durch neue digitale Lösungen. Je weniger Produkte durch die Welt geschickt werden, desto besser ist dies zum Beispiel für die CO2 Bilanz. So werden gerade viele neue Möglichkeiten ausprobiert und angewandt, um neue Entwicklungen und Musterungen digital zu erstellen und somit „echte“ Produktionen zu vermeiden.

In der Modebranche fallen heute riesige Mengen von Retouren an, die wegen falscher Größen oder ungünstiger Schnitte zurückgeschickt werden. Ein Shirt wird schon aus Gewohnheit gerne mal in zwei bis drei Größen bestellt. Ganz nach dem Motto: Eines davon wird schon passen, der Rest geht zurück. Hier setzt die Erfindung des Münchner Start-up Unternehmens Presize.ai an.

Body Scanning in sieben Sekunden

Die drei Gründer haben eine Software entwickelt, die mithilfe der Smartphone Kamera die Kleidergröße des Endkunden bestimmen kann. Diese Technik ermöglicht mit sehr wenig Aufwand, die eigene Größe genau bestimmen zu können, um damit beispielsweise bei Onlineshops die richtigen Kaufentscheidungen treffen zu können. Das Potenzial, durch den Einsatz dieser Technologie enorme Mengen von Waren-Retouren vermeiden zu können, ist riesig. Nicht nur wird CO2 durch das Vermeiden unnötiger Versandwege gespart, auch die Logistik wird deutlich vereinfacht und immense Kosten fallen weg.

Bleiben wir beim Beispiel des Onlineshops: bevor der Kunde bestellt, findet er im Onlineshop einen Button „Größe finden“. Dort wird er angeleitet, wie er das Smartphone platzieren muss, damit die Werte korrekt erfasst werden können. Der Anwender dreht sich einmal um die eigene Achse und es wird ein Video gedreht, anhand dessen ein 3-D Modell erstellt wird. Anschließend werden noch ein paar Daten wie Körpergröße und bevorzugte Passform eingegeben. Der Rechner kann nun die passenden Textilien heraussuchen und vorschlagen. Größenbedingte Retouren könnten so um über 50 Prozent reduziert werden.

Nackt beim Scan?

Keineswegs! Das Bodyscanning geschieht in der ganz normalen Alltagskleidung des Nutzers. Es muss auch nichts heruntergeladen werden. Presize funktioniert direkt über den Browser. Außer dem Smartphone wird keine weitere Hardware benötigt.

So präzise wie beim Schneider

Die Videos werden anonymisiert erstellt und direkt nach der Berechnung der Größe gelöscht. Was so banal klingt, hat nach Angaben von Leon Szeli, einem der Gründer von Presize, bereits das Qualitäts-Niveau eines professionellen Maß-Schneiders erreicht.

Neben Onlineshops gehören zu den Presize Kunden bereits viele Online Schneider, Ateliers sowie große Berufsbekleidungsanbieter. Gerade Letztere sind eine sehr bedeutende Zielgruppe für Presize, denn Berufsbekleidung muss passen und sitzen, um Sicherheit und Komfort an langen Arbeitstagen gewährleisten zu können.

Presize wurde 2019 von Leon Szeli, Awais Shafique und Tomislav Tomov gegründet und inzwischen haben sich einige namhafte Investoren bereit erklärt, deren Konzept zu unterstützen.

www.presize.ai

Foto: Presize
Text: Reiner Knochel